"WIR STREITEN STÄNDIG! WAS KÖNNEN WIR TUN?"

„Egal, wie wir ein Gespräch beginnen, am Ende eskaliert es.“
„Wir drehen uns immer wieder im Kreis.“
Wenn Paare immer wieder in dieselben Konflikte geraten, kann irgendwann das Gefühl entstehen: Wir passen einfach nicht zusammen.
Doch häufig steckt hinter wiederkehrenden Streitigkeiten etwas anderes. Es geht gar nicht unbedingt um das Streitthema an sich, sondern ein wiederkehrendes Beziehungsmuster, in das beide Partner immer wieder hineingeraten.
WENN AUS EINER KLEINIGKEIT EIN GROßER STREIT WIRD...
Vielleicht beginnt es mit einer scheinbar alltäglichen Situation:
„Warum hast du mir nicht geschrieben?“
Der andere antwortet genervt:
„Ich hatte einfach viel zu tun. Du musst nicht immer alles kontrollieren.“
Darauf folgt:
„Du interessierst dich gar nicht für mich."
Und plötzlich geht es nicht mehr um die Nachricht.
Es geht um Verletzung, Enttäuschung, Unsicherheit oder das Gefühl, nicht wichtig zu sein. Gleichzeitig fühlt sich der andere vielleicht angegriffen, kritisiert oder eingeengt und zieht sich zurück.
So entsteht ein Kreislauf, der sich immer weiter verstärkt.
Der eine versucht, mehr Nähe, Aufmerksamkeit oder eine Reaktion zu bekommen. Der andere fühlt sich zunehmend unter Druck und geht auf Abstand. Der Rückzug wiederum verstärkt beim anderen das Gefühl, allein gelassen oder nicht geliebt zu werden. Dadurch wird noch mehr eingefordert.
Beide reagieren aufeinander und beide fühlen sich am Ende unverstanden.
HINTER DEM STREIT STECKT EIN TIEFERES BEDÜRFNIS.
Es lohnt sich, nicht nur zu fragen: „Worum streiten wir?“
Sondern vielmehr:
„Was passiert zwischen uns, wenn wir streiten?“
„Was brauche ich in diesem Moment eigentlich von meinem Partner?“
Hinter Ärger und Vorwürfen liegen häufig verletzlichere Gefühle.
Hinter
„Dir ist doch sowieso alles egal!“
kann beispielsweise die Angst stehen:
„Bin ich dir überhaupt wichtig?“
Hinter Rückzug kann stehen:
„Ich habe Angst, dir nicht zu genügen.“
Und hinter ständiger Kritik:
„Ich wünsche mir so sehr, dass du mich siehst und auf mich eingehst.“
Das bedeutet nicht, dass verletzendes Verhalten dadurch in Ordnung wird. Es bedeutet vielmehr, dass wir beginnen können zu verstehen, was unter der Oberfläche passiert.
WARUM WIR IN BEZIEHUNG BESONDERS EMPFINDLICH REAGIEREN.
Unsere heutigen Beziehungen treffen manchmal auf sehr alte emotionale Erfahrungen. Die ersten Beziehungserfahrungen machen wir mit unseren Bezugspersonen als Kind, meist sind das die Eltern.
Vielleicht haben wir früh gelernt, dass wir uns Liebe und Aufmerksamkeit verdienen müssen. Vielleicht mussten wir früh selbstständig sein und haben gelernt, unsere Bedürfnisse lieber nicht zu zeigen. Oder wir haben erlebt, dass Nähe unzuverlässig war oder Konflikte bedrohlich wurden.
Solche Erfahrungen können beeinflussen, wie wir heute auf unseren Partner reagieren.
Eine kleine Situation kann dann unbewusst etwas viel Größeres berühren.
Die ausbleibende Nachricht ist dann nicht nur eine ausbleibende Nachricht.
Er kann Gefühle aktivieren, die viel tiefer reichen:
„Ich bin nicht wichtig.“
„Ich werde wieder allein gelassen.“
„Ich kann mich auf niemanden verlassen.“
„Ich bin nicht gut genug.“
„Ich darf keine Bedürfnisse haben.“

Wenn solche empfindlichen Punkte berührt werden, reagieren wir häufig nicht mehr nur auf das, was jetzt gerade passiert. Wir reagieren auch auf das, was die Situation emotional für uns bedeutet.
Ein hilfreicher Perspektivwechsel kann deshalb sein:
Nicht „Du bist das Problem“ und auch nicht „Ich bin das Problem“.
Sondern:
„Wir beide sind in einem Muster gelandet, das uns belastet.“
Das Entscheidende ist: Beide versuchen in diesem Moment meistens, mit ihren eigenen Gefühlen zurechtzukommen und haben Strategien entwickelt damit umzugehen.
Nur leider auf eine Weise, die beim anderen genau das auslöst, wovor man selbst Angst hat.
WAS KÖNNEN WIR KONKRET TUN?
1. Versuchen Sie, das Muster zu erkennen
Wenn Sie immer wieder über dieselben Dinge streiten, fragen Sie sich:
Wie beginnt unser Streit meistens? Was mache ich dann? Wie reagiert mein Partner darauf? Was mache ich daraufhin? Und wie endet es?
Versuchen Sie, den Kreislauf als Ganzes zu betrachten.
Nicht:
„Du ziehst dich immer zurück.“
Sondern:
„Wenn ich mich nicht gesehen fühle, werde ich drängender. Wenn ich drängender werde, ziehst du dich zurück. Wenn du dich zurückziehst, fühle ich mich noch weniger wichtig und werde noch drängender.“
Allein diese Veränderung kann etwas bewirken. Aus einem Kampf gegeneinander wird ein gemeinsames Verständnis dafür, was zwischen Ihnen passiert.
2. Hinterfragen Sie den ersten Impuls
Wenn Sie merken, dass Sie wütend werden, versuchen Sie einen Moment innezuhalten.
Fragen Sie sich:
Was fühle ich gerade eigentlich?
Und:
Was brauche ich gerade von meinem Partner?
Vielleicht ist unter der Wut noch ein anderen, verletzlicheres Gefühl. Unter der Kritik Enttäuschung. Unter dem Rückzug Überforderung oder Scham.
Je besser wir unsere eigenen Gefühle verstehen, desto eher können wir sie mitteilen, ohne den anderen anzugreifen.
3. Sprechen Sie über Ihr Bedürfnis und nicht nur über das Verhalten des anderen
Statt:
„Du interessierst dich überhaupt nicht für mich.“
könnte es heißen:
„Als du heute so wenig auf mich eingegangen bist, habe ich mich unwichtig gefühlt. Eigentlich hätte ich gerade deine Nähe und die Rückversicherung gebraucht, dass ich dir wichtig bin.“
Das macht einen großen Unterschied.
Der erste Satz löst beim Gegenüber wahrscheinlich Verteidigung aus.
Der zweite Satz macht es leichter, emotional zu verstehen, was gerade wirklich passiert.
4. Versuchen Sie, den anderen nicht nur zu verstehen, sondern sich verstehen zu lassen
In Konflikten sind wir häufig damit beschäftigt, unsere eigene Position zu erklären.
„Aber du hast doch angefangen.“
„Das stimmt überhaupt nicht.“
„Ich mache doch ständig …“
Doch manchmal braucht es zunächst etwas anderes:
„Ich möchte verstehen, was gerade in dir passiert.“
Und ebenso:
„Ich möchte dir zeigen, was gerade in mir passiert. Nicht, damit du schuld bist, sondern damit du mich besser verstehen kannst.“
Verstehen bedeutet dabei nicht automatisch, einer Meinung zu sein.
5. Unterbrechen Sie den Streit, bevor Sie sich verletzen
Manchmal ist eine Pause sinnvoll.
Nicht als Bestrafung oder Rückzug nach dem Motto:
„Dann rede ich eben gar nicht mehr mit dir.“
Sondern als bewusste Unterbrechung:
„Ich merke, dass wir gerade beide sehr aufgewühlt sind. Ich möchte das Gespräch nicht abbrechen. Ich brauche nur etwas Zeit, damit wir wieder miteinander sprechen können, ohne uns weiter zu verletzen. Lass uns heute Abend um 19 Uhr weiterreden.“
Eine Pause funktioniert besonders gut, wenn die Verbindung dabei bestehen bleibt. Wir sind nicht gegeneinander. Wir kommen auf das Thema zurück.
Und wenn wir es alleine nicht schaffen?
Manche Konfliktmuster sind so festgefahren, dass Paare sie alleine nur schwer verändern können, da sie in ihrer eigenen Dynamik zu sehr drin stecken und keinen "frischen" Blick mehr darauf richten können.
Das bedeutet nicht, dass die Beziehung gescheitert ist.
PAARTHERAPIE KANN EINE LÖSUNG SEIN.
Paartherapie kann dabei helfen, wiederkehrende Muster sichtbar zu machen, die darunterliegenden Gefühle und Bedürfnisse zu verstehen und neue Formen des Miteinanders zu entwickeln.
Dabei geht es nicht darum, herauszufinden, wer Recht hat.
Es geht darum, zu verstehen:
Was passiert zwischen uns?
Was macht unser Muster mit uns?
Und:
Wie können wir wieder miteinander statt gegeneinander sein?
Vielleicht ist Ihr Streit gar nicht das eigentliche Problem!
Wiederkehrende Konflikte sind häufig ein Ausdruck davon, dass wichtige emotionale Bedürfnisse in der Beziehung nicht ausreichend gesehen oder miteinander vermittelt werden können.
Hinter dem Streit liegt dann oft ein Wunsch nach Nähe, Sicherheit, Wertschätzung, Autonomie oder Verlässlichkeit.
Der Weg aus dem Streit beginnt deshalb nicht immer damit, die richtigen Argumente zu finden.
Manchmal beginnt er damit, aus dem Kampfmodus auszusteigen und wieder in Kontakt mit der verletzlichen Seite zu kommen.